Andi Gerber - Pfuusbus

Freiwilliger Mitarbeiter Pfuusbus

Andi Gerber

Ein falscher Freundeskreis führte Andi Gerber in die Drogen. Statt eine Bilderbuchkarriere zu machen, stürzte er ab. 20 Jahre lebte er auf der Gasse und war schwerst drogensüchtig. Bis er in einer Strafanstalt zu Gott fand und sein Leben umkrempelte. Von einem Tag auf den anderen entsagte er den Drogen. Heute führt er ein Unternehmen und engagiert sich im Pfuusbus.

"Eigentlich hätte ich das Geschäft meines Vaters übernehmen sollen, das Gehäuse für Luxusuhren herstellte. Stattdessen landete ich als obdachloser Junkie auf der Gasse. Dass dies mein Weg sein würde, hätte ich mir als Jugendlicher nie träumen lassen. Ich war ein begeisterter und auch ziemlich guter Eishockeyspieler und trieb überhaupt gerne Sport. Doch irgendwie geriet ich in falsche Freundeskreise. Begann schon während meiner Mechaniker-Lehre zu kiffen, dann härtere Drogen zu nehmen. Warum? Ich wollte als Jugendlicher die Welt, das Leben kennen lernen. Wie man das als Jugendlicher halt so macht. Ich probierte dies und das. Leider auch Drogen. Bald schon hatten sie mich in ihren Klauen. Meine Eltern merkten das irgendwann. Doch es war zu spät, ich konnte nicht mehr aussteigen. Das tat ihnen sehr weh, aber sie waren hilflos. So lange es ging, arbeitete ich noch im Geschäft meines Vaters mit. Doch an eine Stabübergabe war nicht mehr zu denken. Als ich 25 war, ging es nicht mehr. Die Sucht war inzwischen so stark, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich verliess mein Zuhause und landete in der Drogenszene am Letten. Auf der Gasse verhökerte ich meinen Besitz, um meine Sucht zu finanzieren. Später klaute ich, was mich verschiedentlich ins Gefängnis brachte und zu nicht weniger als 17 Entzügen führte. Allesamt erfolglos. Ich stürzte jeweils bald wieder ab. Wer einen Entzug macht, danach aber wieder in sein altes Umfeld zurückkehrt, ist verloren.

Das Geschenk des Direktors

So ging es weiter. 20 Jahre lang. In dieser Zeit lernte ich auch Pfarrer Ernst Sieber und den Sune-Egge kennen, das Spital der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Mehrmals musste ich mich dort behandeln lassen. Allerdings nie für lange Zeit. Die Gasse aber blieb abgesehen von Gefängnisaufenthalten meine Bleibe. Bis ich – wieder einmal – eine Strafe absitzen musste. In der Strafanstalt Saxenriet schien alles wieder wie immer zu sein. Ich fühlte mich einmal mehr nicht ernst genommen, weder vom Gefängnispersonal noch vom Seelsorger. Alle sahen in mir den unverbesserlichen Junkie. Doch dann traf ich eines Tages den Direktor. Im Verlaufe unseres Gesprächs riet er mir, in der Bibel zu lesen. Das tat ich, wenn zunächst auch ohne grosse Begeisterung. Doch dann faszinierte mich das Buch immer mehr. Ich konnte mich nicht mehr von ihm losreissen. Es begann sich etwas in mir zu verändern. So fand ich meinen Glauben an Gott. Und wie durch ein Wunder hatte ich von einem Moment auf den anderen kein Bedürfnis mehr nach dem Drogenrausch. Und was mich am meisten erstaunte: ich hatte keine Entzugserscheinungen! Dennoch musste ich krankheitshalber 2005 nochmals in den Sune-Egge. Dort begegnete ich Sina. Sie war völlig kaputt vom Drogenkonsum. Dennoch berührte sie mich. Ihr Blick und ihr inneres Licht – ich sage dem so, weil ich es nicht anders beschreiben kann – liessen in mir Saiten anklingen, die mir völlig neu waren. Aus unserer Begegnung wurde Liebe.

Im Pfuusbus kann ich jene unterstützen, die für sich noch keine neue Lebensperspektive entwickeln konnten.Andi Gerber

Die Liebe gibt Hoffnung

Eine Liebe, die jedoch unter wenig hoffnungsvollen Vorzeichen stand. Sina war HIV-positiv und voller Hepatitis, ich eben erst von der Sucht losgekommen. Dank des Glaubens und der liebevollen und seriösen Begleitung durch das Personal des Sune-Egge gedieh unsere Liebe aber und wurde immer hoffnungsvoller. Ich begann, mich als Allrounder zu betätigen. Ich renovierte zuerst einzelne Zimmer, dann ganze Wohnungen. Offenbar war meine Arbeit so gut, dass sie immer mehr Leuten auffiel. So entwickelte sich nicht nur die Beziehung zwischen Sina und mir erfreulich, sondern auch mein beruflicher Wiedereinstieg. Heute führe ich ein kleines Unternehmen mit sechs Mitarbeitern. Wir renovieren Liegenschaften und Wohnungen. Meine Vision ist, selbst einmal Häuser zu besitzen und diese als Generationenhäuser zu betreiben. Also als Häuser, in denen Menschen aller Alterskategorien zusammen leben.

Chef eines eigenen Unternehmens

Ich bin ein zielstrebiger und strenger Chef, der an sich und seine Mitarbeiter hohe Ansprüche stellt. Meine Geschichte vergesse ich aber nie und versuche darum auch stets, mit wachen Augen die Bedürfnisse meiner Mitarbeiter wahrzunehmen. Denn Menschlichkeit muss über allem stehen. So bin ich meinen Mitarbeitern wohl eher Vater als Chef. Und weil ich weiss, wie hart das Leben als Obdachloser und Drogensüchtiger ist, leiste ich seit Jahren Dienst im Pfuusbus der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Dort kann ich jene mit Rat und Tat unterstützen, die für sich noch keine Perspektive haben entwickeln können. Ich sehe dort viel Elend, aber auch Hoffnung. Mit dieser Betreuungsarbeit kann ich etwas von dem zurückgeben, das ich von den Mitarbeitern der Sozialwerke Pfarrer Sieber während meines Obdachlosendaseins erhalten habe. Dafür bin ich sehr dankbar.“